Der Kies muss weg!


Viele Gärtner und Galabauer fühlen sich bisweilen hilflos den Wünschen ihrer Kunden ausgesetzt. Diese wirken wie infiziert und klagen ihr Recht auf Freizeit ein, zumindest wollen sie keine Arbeitszeit mehr im Garten verbringen, allenfalls noch lecker in der mittels Doppelstabmatten eingezäunten Sitzecke am neusten Weber-Grill* chillen, relaxen, entschleunigen, abkeimen, rumlungern oder sonstwas.

Vergessen wir nicht all die Verbrauchermessen, wo die grünen Branchenverbände nichts besseres zu präsentieren hatten als Outdoor-Küchen und Wohnzimmererweiterungen in den ehemaligen Garten hinein. Plötzlich lagen da auch Steinschüttungen, gelegentlich getarnt als sogenannte Japanische Gärten. Auch so manche Gartenschau wollte und will kaum noch Cash für ordentliche Pflanzplanung locker machen.
Wer wollte es da dem gärtnerischen Nachwuchs verübeln, wenn dieser lieber Bagger fährt und ganz sicher keine Neigung verspürt Pflanzen und ihre Namen kennenzulernen. Es gibt Ausnahmen, ein kontinuierliches Umdenken und Gärtnerinnen und Gärtner, die keine Lust (mehr) haben, ehemalige Gärten in pflanzenbefreite Steinschüttungen und deren vertikales Pendant zu verwandeln. (Es ist in solchen Zeiten nicht immer leicht, den Mal- oder Flötenunterricht der Kinder zu bezahlen, wenn man im Job nicht jeden Scheiß mitmachen will.) Hilfreich wäre da eine gute Argumentationshilfe gegen diesen seltsamen Trend der Kiesgärten. Diese liegt nun vor.

Mantra für Gärtner und Planer

Der Autor Tjards Wendebourg ist Redaktionsleiter zahlreicher Fachzeitschriften aus dem Ulmer-Verlag, den wichtigsten Publikationen in den Segmenten Garten, Landschaft und Floristik. Warum, wird er sich gedacht haben, publiziere ich keine Streitschrift gegen die so populären Schotter-, Kies- oder Steingärten. Er beleuchtet das Thema aus vielen Blickwinkeln. Da wäre der soziale Druck. Nachbarn mögen weder Laub noch Samen, die es wagen die Grundstücksgrenzen zu ignorieren. Pflanzen machen ja allgemein anerkannt zu viel Dreck und will man es schön, also aufgeräumt und sauber haben, dann stören sie die Ordnung. Es gibt sogar Gärtner, welche die Pflanzen nach nur zwei Aspekten auswählen: Dass sie dekorativ sind und möglichst wenig Dreck machen! Und wo kämen wir nur hin, wenn uns ein paar gammelige Ökos vorschreiben dürften, wie wir mit unserem Eigentum umzugehen hätten!

Tjards Wendebourg: Der Kies muss weg!

Dass diese Kies-/Schotter-/RC-Gärten nur dann wirklich pflegeleicht sind, wenn sie gegen gültiges Recht verstoßen, sei nur mal als Pointe am Rande erwähnt. Gut kommt es auch, wenn man den Nachbarn beim pflegenden Spritzvorgang der Steinflächen die aktuelle Trinkwasseranalyse der Stadtwerke unter die Nase hält. Nicht die ersten, zumeist eher langweiligen Seiten, sondern die hinteren mit den „organischen“ Parametern. Es ist oft sehr lehrreich, diese Namen einmal in die Suchmaschine des Vertrauens einzugeben.
Allgemein herrscht auch eine große Unsicherheit, ob diese sogenannten „Kies-Gärten“ gemäß den lokalen Satzungen überhaupt zulässig sind.

Tjards Wendebourg klärt auf über die Konsequenzen dieser Gartenunkultur. Es sind ja nicht nur die Bienen, die immerhin schon über eine gewisse Lobby verfügen. Zahlreiche andere Lebewesen leiden auch unter diesen Bedingungen, sterben oder bleiben abwesend. Auch der Mensch verzichtet auf Annehmlichkeiten, wenn die puffernde Wirkung eines Gartens fehlt. Keine Bäume, die im Sommer Schatten spenden, keine Pflanzen deren Verdunstung Kühle bringt, und auch die wertvolle Ressource Regen fließt ungenutzt in die Kanalisation. Das sogenannte Kleinklima wird lebensfeindlicher.

Wenn man aus den grünen Berufen stammt, fällt es bisweilen schwer, Alternativen aufzuzeigen. Ein Garten sollte selbstverständlich und selbst alternativlos sein. Soll man nun bei den verlorenen Schafen pädagogisch vorgehen? Sollte man die Faulheit der Hausbesitzer mit pflegeleichten Pflanzkonzepten am Ende noch belohnen?

Der Kies muss weg! ist eine interessante Streitschrift für mehr Grün, erschienen bei Ulmer, differenziert, nicht diffamierend, flüssig zu lesen und bei aller Ernsthaftigkeit mit einer guten Dosis Humor. Es ist ein Buch, dem ich herzlich viel Erfolg wünsche.


  • 1) Wer es etwas individueller mag, verwendet nicht die signalgraue sondern die – ernsthaft – mit Rasen bedruckte Folie für den Gitterzaun.

  • 2) Nein, ich werde dafür nicht bezahlt! Ich empfehle allerdings den Kugelgrill der Firma Dancook. Auch dafür gab es weder Geld noch geldwerte Vorteile.

  • 3) Hier finden wir dann das in Rasenunkrautmitteln vorkommende Mecoprop (Nettetal: <0,02 μg/l, also <20% von zulässigen 0,1 μg/l) und unser allseits beliebtes Glyphosat (Nettetal: <0,04 μg/l, also fast 40% von zulässigen 0,1 μg/l) , bekannt aus RoundUp und Co. Quelle: stadtwerke-nettetal.de