Feng Shui

Wussten Sie, dass die meisten deutschen Feng-Shui-Berater oder -Gärtner „Feng Shui“ falsch aussprechen? Gerade eine Lehre, die sich mit Harmonie, Geistern und dem Fließen von Energie befasst, also für westlich geprägte Menschen etwas mit Magie zu tun hat, soll dem Wort und seiner richtigen Aussprache so wenig Bedeutung beimessen? Ich wette einen guten Champagner darauf, dass sich Faust, Franz Bardon und alle Alchemisten, Vorgänger wie Nachfolger, im Grabe umdrehen. Aber wem gefiele das Bild nicht besser, sie lachten nur laut auf, wenn sie mal wieder „Feng Shui“ statt [fɤŋ ʂu̯eɪ] hörten. Man visualisiere sich hierzu das Qi als ihr anschwellendes Kichern, das sich als Ausbruch von Heiterkeit auch belebend auf die Materie und ansteckend auf den Menschen auswirken kann. (Das wurde immerhin in der Zwischenzeit wissenschaftlich bewiesen.)
Bei aller Klarheit und Eindeutigkeit der Lehre in Bezug auf die Wirkungen der Elemente zueinander – Feuer schmilzt das Metall und erzeugt die Erde als Asche; Wasser löscht das Feuer und nährt das Holz; aus Erde geht Metall hervor und die Wurzeln des Holzes stabilisieren die Erde – haben sich im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche Strömungen und Vereinfachungen etabliert. Wer wollte noch mit einem Kompass und komplizierten Tabellen arbeiten, wenn Architekten bereits Fakten geschaffen hatten? Oder haben Sie schon mal von einem Haus in Kalifornien oder Nizza gehört, das auf Veranlassung eines Feng-Shui-Meisters abgerissen wurde? Da verbauen wir doch lieber nachträglich ein bisschen buddhistische Deko, Windspiele, Stoffe oder Kristalle.
Sie ahnen es schon. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit von Feng Shui, weder in Innenräumen noch in Gärten. Die wichtigsten Verkaufsargumente dieser fernöstlichen und sehr alten Tradition sind ihre fernöstliche Herkunft und ihre sehr alte Tradition, verbunden mit den New-Age-Lehren von Harmonie, Entspannung, Ausgeglichenheit und allgemeinem Wohlfühlen. Immerhin vermeiden die meisten Berater klug alle Versprechen, die eine Lobby des Gesundheitswesens als Konkurrenz erkennen könnte. Das wäre auch sehr dumm in Zeiten, wo Heilpraktiker und Homöopathen kurz vor dem Berufsverbot zu stehen scheinen. Sensible Gemüter riechen gar noch das Feuer.
Wie gut, dass die hierzu weiterbildenden Schulen zur Legitimation entsprechende Zertifikate ausstellen. Diese bestätigen die erfolgreiche Teilnahme an Kursen über „Landschaft und Garten“, „Fliegende Sterne“, „Datumswahl“ oder „Business Feng Shui“ und hängen dann gern neben Weiterbildungs-Bescheinigungen in den Fächern „Erdstrahlen“, „Rutengänger“, „Fibonacci Grid“ oder „Space Clearing“. Solche Zertifikate werden selbst an Räume verliehen, in denen die Empfehlungen für die Raumsanierung befolgt wurden. Eines hängt sogar (symbolisch) in einem Finsterwalder Trauzimmer. Es wurde berichtet, dass es dieselbe Person begutachtet hatte, welche im Vorfeld die Empfehlungen ausgesprochen hatte. Den Brautpaaren dürfte es egal sein, wie solche Zertifikate entstehen.

Dieser Text erschien erstmalig als Kommentar in „Die kritische Spalte“ des Magazins Gartendesign Inspiration 5 | 2016.